WIE PASSEND, IHR KÄMPFT WIE EINE KUH
Celeste Templer
Ich bin die Zocker-Königin! Da gibt es keinen Zweifel. Aber nicht von Geburt an und eigentlich auch nicht ganz freiwillig. Die Idee, Zockerkönigin werden zu können, kam mir im Gespräch mit meinem Bruder. Um mich rum scheinen ja irgendwie alle herumzuprobieren, mein Freund Adam zum Beispiel, ein Designer, ist ein einziges Selbstexperiment. Mein Bruder probiert sich als Schauspieler, meine beste Freundin als potenzielle Freundin eines Schauspielers, ein anderer Freund erforscht seine Psyche und wieder eine andere probiert einen Neustart an einem neuen Arbeitsort. Alle außer mir experimentieren herum. Das finde ich gemein. Also frage ich Daniel, meinen Bruder: „Was kann ich machen?“ Und er antwortet: „Spiel doch Computer.“ Natürlich meinte er damit nicht als Änderung meines Lebens. Aber er wusste ja auch nicht, was zuvor in meinem Kopf vorgegangen war. Er glaubte, ich war auf der Suche nach einer Beschäftigung und dabei lieferte er mir den perfekten Selbstversuch. Mal etwas ganz Neues. Aber bitte nichts zu anstrengendes.
Ich habe nie wirklich Computerspiele gespielt, habe das immer ganz vehement als eine Vergeudung von Lebenszeit angesehen. Und nun bewege ich mich hinter das Geheimnis dieser für mich völlig undurchsichtigen Faszination und kläre dabei vielleicht gleichzeitig ganz nebenher, ob Killerspiele wirklich Psychopathen hervorbringen. HA! Anders als alle anderen erbringe ich somit mit meiner neuen weltfremden Beschäftigung einen Nutzen für die Menschheit, so der Plan. Aber weil ich ja wirklich Zockerkönigin werden will und nicht nur Prinzessin, muss ich meine Herrschaft über alle möglichen Arten von Spielen ausbreiten. Von MMORPG bishin zu Adventure Games über Strategie, Horror und dieser sinnlosen Art von Beschäftigung, wo man Männchen irgendwo hinklickt und sich tierisch freut, wenn sie den Herd in Flammen setzen.
Los geht’s! Ich bin bereit, für die Krone zu kämpfen. Nur leider kenne ich als absolute reales-Leben-Bevorzugerin eigentlich überhaupt keine Spiele. Dafür habe ich ja aber einen Bruder im adäquaten Zockeralter, der mir schnell aus meiner Misere hilft, kurz bevor ich davor bin, meinen neuen genialen Masterplan wieder hinzuwerfen und mich im Gärtnern zu versuchen. Das erste Spiel, das er mir vorschlägt und das ich dann auch probiere, ist ganz alt. Es geht darum, einige hässliche Kreaturen, die irgendwie aussehen wie braune Pixel mit grünen Haaren, lebendig von einer Bildschirmseite zur anderen zu bringen. Gemeinerweise sind zwischen diesen beiden Seiten aber immer irgendwelche Hindernisse, zum Beispiel ein tiefer Abgrund, in den alle hineinfallen. Minutenlang sitze ich da und beobachte gebannt, wie die kleinen Pixelmonster am Boden zerschellen. Bei den Frisuren wohl das Beste für sie. Weil diese sogenannten Lemminge mich aber nicht zu fesseln vermögen und ich es allmählich leid werde, Pixeln beim Sterben zuzusehen, installiere ich ein neues Spiel, Strategie diesmal, Age of Empires der Name. Das klingt ja schon mal gut. Als echte Königin braucht man schließlich ein Empire, und in meiner Situation ist es ja mehr als angebracht, mir dieses zu erzocken. Nur hatte ich nicht damit gerechnet, dass da auch noch andere Männchen sind, die nur so danach trachten, alle meine mühevoll aufgebauten Gebäude einzureissen und mein Herrschaftsgebiet zu zerstören. Ich habe diese Feiglinge gar nicht bemerkt, als sie sich hinterlistig als rote Flecken auf meiner Minimap getarnt haben, mir ist ihre Existenz nicht einmal aufgefallen und plötzlich kommen die und machen alles nieder. „He!“, schreie ich. „Da schickt man zuerst eine Botschaft und ruft den Kriegszustand aus, ihr Trampel!“ Aber es nützt nichts, da ist schon alles hin. Und Armeegebäude habe ich nicht gebaut, weil ich ja nicht gedacht habe, sie zu brauchen, außerdem wollte ich nicht durch ihr hässliches Kasernenaussehen meine hübsche Siedlung versauen. Um den Strategiespielen noch eine Chance zu geben, spiele ich Caesar, zahle dort aber meine Rechnungen nicht und werde schon wieder nieder getrampelt. "Das ist doch dämlich", rufe ich. "Womit verschwende ich hier denn meine Zeit?"
Mein Bruder muss mir ein neues Spiel besorgen, Black&White. Da kann man Gott spielen, genau das Richtige für mich. Begeistert durchlaufe ich das Tutorial und verbringe Stunden damit, meine Untertanen durch die Luft zu werfen, solange bis alle an mich glauben, aber jeder verhungert ist. Ich bin Gott, ich kann nicht verlieren! Daniel erklärt mir, wie das Spiel eigentlich gedacht ist, enttäuscht deinstalliere ich es und beauftrage ihn, der Königin eine neue Beschäftigung zu suchen. Er glaubt, diese Kämpferei liegt mir nicht. Ich scheine lieber virtuelle Menschen zu quälen, somit beschafft er mir die zwei Gewinnerspiele meines Experiments. Zuerst spiele ich die Sims, irgendeinen Teil, der mir vor Jahren mal zum Geburtstag geschenkt wurde, ohne dass ich ihn je beachtet hätte. Laufbahn: Romantikerin. Auf geht’s, und jetzt so viele Affären wie möglich starten. Ich bin supertoll, breche allen das Herz, flirte Pizzabote und Hausmädchen an, mache keinen Unterschied nach Alter, Aussehen oder Geschlecht. Am Ende, zum Showdown, lade ich alle meine Romanzen zu meiner Party nach Hause ein und zelebriere die gesunde Libido meines Sims. Es ist besser als jede Seifenoper und ich esse eine ganze Packung Popcorn, während meine Liebschaften sich zu prügeln beginnen, mich ohrfeigen und heulend davon rennen. Zuletzt ist mir schlecht und langweilig und ich bereue, dass ich keinen männlichen Sim erstellt habe, der eine ganze Bevölkerung dadurch auf die Beine stellt, dass er alle Sims in der Stadt schwängert. Meinen eigenen Hofstaat sozusagen.
Also zum nächsten Spiel. Dem eigentlichen Gewinner meines Herzens. Monkey Island. Das ist nicht der erste Teil, den ich da anspiele, aber egal, die Grafik bei den anderen war zu schlecht. Ich bin sofort verliebt in Guybrush Threepwood, warum weiß ich nicht, er hat ja eigentlich schon eine Freundin und sieht auch nicht besonders gut aus. Möglicherweise ist es sein unvergleichlicher Charme, die Tatsache, dass er ein mächtiger Pirat ist oder sein beneidenswertes Talent, ständig Leute zu sabotieren. Das Spiel jedenfalls hat mich ganz für sich, ich kniffele und knobele und rufe meine Freunde an, wenn ich vor einem Rätsel stehe, um ihnen mein Problem zu schildern und sie um Rat zu fragen. „Was muss ich mit dem Zahn im Kaugummi machen?“ „Wie beende ich diese Achterbahnfahrt?“ „Gibt es den süßen Totenkopf auch als Stofftier?“ Letztendlich bleibt es das einzige Spiel, das ich durchgespielt habe und Zitatlieferant für viele Tage.Ich bin regelrecht erstaunt, wie viele Leute in meinem Umfeld, die ich für normale Menschen gehalten habe, sofort etwas damit anfangen können, wenn ich ihnen entgegen werfe "Schmecke den kalten Stahl schwächliches Kanonenhalteseil!"
Weil es absolut mein Ding ist, virtuelle Leute zu quälen, was ich aber auch erst durch dieses Experiment herausgefunden habe, scheint für mich das Ziel meines Selbstversuches erreicht. Bis mein Bruder mich unbeabsichtigt auf die Idee bringt, dass ich auch echte Menschen quälen könnte. Ich muss mich nur bei einem jener Online-Spiele anmelden, die heutzutage alle von ihrer Arbeit ablenken und daran Schuld sind, dass Eltern ihre Kinder verhungern lassen. Ich fange an, World of Warcraft herunterzuladen, aber es dauert mir viel zu lange und ich breche mittendrin ab. Stattdessen spiele ich dann ein lächerliches Spiel namens Runescape. Schnell merke ich, dass ich es hier mit richtigen Nulpen zu tun habe. „Welches ist deine Stufe in Holz hacken?“, werde ich ständig völlig gestelzt gefragt. „Ähm. Fünf?“, erfinde ich, in der Hoffnung, einen guten Wert genannt zu haben. „Meine Stufe in Holz hacken ist 98.“ Aha. Noob! Das sagt man nämlich zu anderen, wenn man ein Zocker ist, der sein echtes Leben dem Computerspielen unterwirft und sich mit anderen Opfern des selben Problems identifizieren kann, sich aber gleichzeitig von ihnen abheben will. Noob. Ich werde ständig so genannt. Unter anderem auch, weil meine Stufe in Holz hacken nicht 98 ist. Die Stufe erhöht man übrigens, indem man zu Bäumen geht, sie anklickt, und dann wartet, ganz oft, ganz lange. Mehr muss man dafür nicht tun, es wird aber in der Runescape-Welt offenbar als wichtige Errungenschaft angesehen. Mir scheint es eher als würde mich jemand anschreien „Ich hab keinen Job und kein Geld und gehe nichts Arbeiten“ und dann von mir überschwängliches Lob erwarten für seinen tollen Lifestyle. Ich bin entsetzt und schalte den Computer aus.
Eigentlich wusste ich bereits an dieser Stelle, dass es Zeit war, aufzuhören. Los Celeste, entreisse dich den Klauen dieses Teufelswerkes, wirf dir die Rettungsweste über und schwimme aus dem Meer des Versagens, solange du noch kannst! Doch zu spät. Ich gehöre wohl schon zu den anonymen Zockern, von denen ich auch bereits einige in meinem Freundeskreis habe. Nicht jeder, der zockt, ist also ein Loser, manche sind auch Königinnen, so wie ich zum Beispiel. Allerdings sind mir nicht alle Spiele geheuer. Games, bei denen man schreiend aufspringt oder die Maus auf den Bildschirm wirft, um sich, wie ich bei Silent Hill, vor einem schlurfenden Zombie zu schützen oder solche, bei denen man sich ein zweites, virtuelles Leben aufbaut, das größtenteils daraus besteht, die Qualität des ersten auf ein Minimum zu reduzieren, wie bei Second Life, wo sich die Leute Jobs suchen, die sie dann einhalten müssen, anstelle einfach mal richtig arbeiten zu gehen, sind definitiv nicht meine Baustelle. Da rette ich doch lieber vergoldete Piratenbräute oder lasse mich von Wandschränken in andere Dimensionen beamen, um als mächtiger Pirat oder richtiger Zauberer die Welt zu retten. Arr!
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